geb. 1652 in Heidelberg; Schwägerin von Louis XIV; gest. 1722
Herkunft und Familie
Elisabeth Charlotte von der Pfalz wurde am 27. oder 28. Mai 1652 in das Haus Pfalz-Simmern am Heidelberger Schloss geboren.[Anm. 1] Sie war eines von zwei Kindern des Kurfürsten Karl Ludwig und seiner Gemahlin Charlotte, Landgräfin von Hessen-Kassel.[Anm. 2] Ihr Bruder Karl II. war zwischen 1680 und 1685 Kurfürst von der Pfalz. Der Name ,,Elisabeth Charlotte” setzt sich aus den Namen ihrer Mutter und ihrer Großmutter Elizabeth Stuart zusammen.[Anm. 3] Am 8. Dezember 1722 verstarb sie in Saint-Cloud im Alter von 70 Jahren.[Anm. 4]
Das höfische Leben im absolutistischen Frankreich
1671 verließ Liselotte das Heidelberger Schloss, da sie auf Befehl ihres Vaters den Bruder des französischen Königs Louis XIV, genannt ,,Der Sonnenkönig”, heiratete.[Anm. 5] Im Vorfeld der Eheschließung musste die Calvinistin zum Katholizismus übertreten.[Anm. 6] Mit Philippe I., duc (Herzog) d’Orléans war Liselotte bis zu seinem Tod im Jahr 1701 verheiratet, aus der Ehe gingen drei gemeinsame Kinder hervor.[Anm. 7]
Im Schloss Versailles war sie als Hofdame zwar nicht am politischen Tagesgeschehen beteiligt.[Anm. 8] Doch bekannt ist Liselotte von der Pfalz heute vor allem als Zeitzeugin, weil sich zahlreiche ihrer Briefe an Bekannte und Verwandte erhalten haben. Liselottes Briefe sind zeitnahe Zeugnisse über den das Alltagsleben am Hof. Als privater Austausch, der nicht zur Veröffentlichung gedacht war, stellen die Briefe eine recht verlässliche Quelle über den französischen Hof dar. Darin hielt sie alltägliche Dinge fest, wie Mahlzeiten, Krankheiten oder religiöse Angelegenheiten, äußerte sich aber auch politisch (bspw. zu Kriegen): ,,kan mich also gar nicht berühmen, gesundt zu sein; heütte ist es etwaß abscheüliches, wie ich huste; dran sterben werde ich woll nicht, aber man leydt viel ungemach dabey”.[Anm. 9] Zum Teil gibt sie sehr präzise Auskunft darüber, wie ein Tag am Versailler Hof ausgesehen haben könnte: ,,Erstlich zu Versaille, alwo wir den gantzen tag zu thun hatten, denn morgents biß umb 3 nachmittags waren wir auff der jagt, darnach, wan wir von der jagt kommen, so kleite man sich anders ahn undt gingen ’nauff zum spiel; dorten blieb man biß umb 7 abents; von dar ging man in die commedie, welche umb halb 11 auß war, alßdan ging man zum nachteßen, vom nachteßen zum bal, welcher biß 3 uhr morgendts wehrte, undt dan zu bett.”[Anm. 10] In einem weiteren Brief berichtet Liselotte bspw., welche Spiele am Hof gespielt werden: ,,So baldt alß man von der colation kompt, welche man stehns ist[6], geht man wider in die cammer, wo so viel taffeln stehen, undt da theilt sich jedes zu seinem spiel auß, undt wie mancherley spiel da gespilt werden, ist nicht zu begreiffen: landsknecht, trictrack, piquet, reversi, lombre, petitte prime, schach, trictrac, raffle, 3 dés, trou madame, berlan[7], somma sumarum waß man nur erdencken mag von spillen.“[Anm. 11]
Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697)
Liselottes Familie, das Haus Pfalz-Simmern, hatte nach dem frühzeitigen Tod ihres Bruders Karl II. keinen männlichen Nachfolger mehr.[Anm. 12] Um Liselottes vermeintlichen Anspruch durchzusetzen, marschierten die Truppen des Sonnenkönigs in die Pfalz ein und richteten dort große Zerstörungen an. Das Vorgehen wird auch sac du palatinat (Verwüstung der Pfalz) genannt.[Anm. 13] Städte wie Mannheim, Speyer, Alzey und Liselottes Heimatstadt Heidelberg waren besonders von den Brandschatzungen und Plünderungen betroffen. Der Krieg bewog zahlreiche Pfälzer*innen, ihre Heimat zu verlassen.[Anm. 14] Liselotte lässt in ihren Briefen ihre Bestürzung über die Kriegsführung ihres Schwagers verlauten: ,,Kaum hatte ich mich über des armen Carllutz todt ein wenig erholt, so ist das erschreckliche undt erbärmliche ellendt in der armen pfaltz ahngangen, undt waß mich ahm meisten daran schmertzt, ist, daß man sich meines nahmens gebraucht, umb die arme leütte ins eüßerste unglück zu stürtzen, undt wenn ich darüber schreye, weiß man mirs gar großen undanck […].“[Anm. 15]
Nachleben/Nachkommen
Alexandre Louis, duc de Valois, war ihr Erstgeborener. Er verstarb jedoch bereits im Kindesalter. Ihr zweiter Sohn, Philippe II., duc d’Orléans, war von 1715 bis zu seinem Tod 1723 Regent von Frankreich für den noch minderjährigen König Ludwig XV. Liselottes einzige Tochter, Elisabeth Charlotte d’Orléans, heiratete in das Haus Lothringen ein. In der Linie Orléans hatte Liselotte acht Enkel, darunter mit Louise Elisabeth die spätere Königin von Spanien. Aus dem Hause Lothringen stammen vierzehn Enkelkinder der Liselotte von der Pfalz.[Anm. 16] Der bekannteste unter ihnen ist Franz Anton Stephan, der als Gemahl von Maria Theresia den Namen Franz I. Stephan von Lothringen erhielt und später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde.[Anm. 17]
Anmerkungen
Anm. 1: Helfer, Hannelore (Hg.): Liselotte von der Pfalz in ihren Harling-Briefen, Hannover 2007 (Anhang, Bd.2) S. 26. ↑ zurück
Anm. 2: Ebd. ↑ zurück
Anm. 3: Storm, Monika: Madame Palatine – Liselotte von der Pfalz, Mainz 2009. S. 2. ↑ zurück
Anm. 4: Helfer, Hannelore (Hg.): Liselotte von der Pfalz in ihren Harling-Briefen, Hannover 2007 (Briefcorpus, Bd.1). S. 29. ↑ zurück
Anm. 5: Helfer, Hannelore (Hg.): Liselotte von der Pfalz in ihren Harling-Briefen, Hannover 2007 (Briefcorpus, Bd.1). S. 28. ↑ zurück
Anm. 6: Storm, Monika: Madame Palatine – Liselotte von der Pfalz, Mainz 2009, S. 4f. ↑ zurück
Anm. 7: Helfer, Hannelore (Hg.): Liselotte von der Pfalz in ihren Harling-Briefen, Hannover 2007 (Briefcorpus, Bd.1). S. 28. ↑ zurück
Anm. 8: Voss, Jürgen: Liselotte von der Pfalz als Zeuge ihrer Zeit. In: Press, Volker (Hg.): Barock am Oberrhein, Karlsruhe 1985. https://doi.org/10.11588/diglit.52724#0230 (abgerufen am 17.03.2026). ↑ zurück
Anm. 9: Holland, W. L. (Hg.): Brief vom 4. März 1697 von Elisabeth Charlotte an Louise zu Pfalz in: Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, Band 1 (1867), S. 78–81; Onlinetext URL: http://www.elisabeth-charlotte.eu/b/d01b0047.html (abgerufen am 17.03.2026). ↑ zurück
Anm. 10: Bodemann, E. (Hg.): Brief vom 14. Dezember 1676 von Elisabeth Charlotte an Sophie von Hannoverin: Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, Band 1 (1891), S. 11–14 https://www.elisabeth-charlotte.eu/b/d07b0012.html (abgerufen am 18.03.2026). ↑ zurück
Anm. 11: Helmolt, H. F. (Hg.): Brief vom 6. Dezember 1682 von Elisabeth Charlotte an Kurfürstin Wilhelmine Ernestine in: Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, Hrsg. H. F. Helmolt, Band 1 (1908), S. 65–69 Onlinetext URL: https://www.elisabeth-charlotte.eu/b/d12b0039.html (abgerufen am 18.03.2026). ↑ zurück
Anm. 12: Storm, Monika: Madame Palatine – Liselotte von der Pfalz, Mainz 2009. S. 7. ↑ zurück
Anm. 13: Dosquet, Émilie (Hg.): Le ravage du Palatinat au prisme du scandale https://shs.cairn.info/revue-hypotheses-2013-1-page-217?lang=f (abgerufen am 23.03.2026). ↑ zurück
Anm. 14: Auswanderumg aus den Regionen des heutigen Rheinland-Pfalz (Hg.): Anfänge der pfälzischen Nordamerikaauswanderung, https://www.auswanderung-rlp.de/ziele-der-auswanderung/auswanderung-nach-nordamerika/1718-jahrhundert/anfaenge-der-pfaelzischen-nordamerikaauswanderung.html (abgerufen am 19.03.2026). ↑ zurück
Anm. 15: Bodemann, E. (Hg.): Brief vom 20. März 1689 von Elisabeth Charlotte an Sophie von Hannover, in: Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans Band 1 (1891), S. 102–104; http://www.elisabeth-charlotte.eu/b/d07b0085.html (abgerufen am 23.03.2026). ↑ zurück
Anm. 16: Helfer, Hannelore (Hg.): Liselotte von der Pfalz in ihren Harling-Briefen, Hannover 2007 (Anhang, Bd.2). S. 873 f. ↑ zurück
Anm. 17: Die Welt der Habsburger (Hg.): https://www.habsburger.net/de/personen/habsburger-herrscher/franz-i-stephan-von-lothringen (abgerufen am 23.03.2026). ↑ zurück
