Der Name Bodenheim
Der Siedlungsname Bodenheim zählt aufgrund des Grundwortes -heim (von althochdeutsch heima ‚Wohnung, Behausung, Heimstatt‘) zur ältesten Gruppe deutscher Siedlungsnamen. Das Erstglied bildet der Personenname Bado. Bei diesem handelt es sich vermutlich um einen in historischen Quellen anderweitig nicht überlieferten Grundherrn oder Siedlungsgründer.
Erstmals erwähnt wurde der Ort im Jahr 754 in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Fulda als villa Batenheim.[1] In einer Urkunde von 1073 ist der Ort als Badenheim belegt. Die heutige Namenform findet sich erstmals 1303 (in villa Bodenheim)[2] und setzte sich in der Folgezeit allmählich durch. Aus ihr entstand im lokalen Dialekt die verkürzte Form Bodenem (/bo:dənəm/).[3]
Bodenheim in der vorgeschichtlichen Zeit/Frühzeit und erste Spuren
Aufgrund der guten Böden und günstigen klimatischen Verhältnisse in der Gemarkung Bodenheim siedelten sich dort bereits in vorgeschichtlicher Zeit Menschen an. Die ersten Spuren einer Besiedlung lassen sich auf die Zeit der Bandkeramik (Jungsteinzeit, um 5600-5900 v. Chr.) datieren. Heute lassen sich die ehemaligen Siedlungen nur noch anhand dunkler, runder Verfärbungen im Boden erkennen, die auf ehemalige Pfostengruben hinweisen. Jedoch konnten in Bodenheim selbst bisher keine Spuren von Gebäuden gefunden werden. Nur eine Scherbe, im Rahmen eines Streufundes aus der mittleren Jungsteinzeit, der Rössener Kultur belegt eine kurzfristige Besiedlung durch vorgeschichtliche Menschen. Die Bezeichnung Rössener Kultur stammt von der Benennung eines Gräberfeldes von Rössen bei Merseburg im Saalegebiet. Die Rössener Kultur markiert zugleich das Ende der mittleren Jungsteinzeit. In der Gemarkung Bodenheim sind nach ihrem Ausklingen keine weiteren Spuren vorgeschichtlicher Besiedlung nachweisbar, obwohl sich die Besiedlung Rheinhessens insgesamt kontinuierlich fortsetzt, wie andere Fundstellen zeigen. Eine weitere Verbindung zur jungsteinzeitlichen Epoche bilden die sogenannten Monolithe oder Menhire, die nach älteren Literaturangaben auch auf Bodenheimer Gebiet gestanden haben müssen. Der Terminus Menhire ist keltischen Ursprungs, men=‚Stein’, hir=‘lang’, und werden auch als Steindenkmäler oder umgangsprachlich als Hinkelsteine bezeichnet. Heute lassen Gewannbezeichnungen, wie „Im Breitenstein”, „Hinkelacker”, „Am langen Stein”, „Pirmenstein” an ehemalige Standorte solcher Monolithe denken. Die ursprüngliche Bedeutung dieser Steinmonumente lässt sich heute nur erahnen. Bisherige Interpretationsansätze überzeugen nur selten. Konsens herrscht darüber, dass sie wohl als Weg- oder Grenzmarkierung – angelehnt an völkerkundliche Erscheinungen als Opferpfähle, Totengedenksteine oder als phallische Kulturdenkmäler – gedient haben können. Das Christentum lehnte sie als heidnisch zunächst ab, integrierte sie aber mit der Zeit in seinen Glauben. So finden sich auf manchen Monolithen Kreuze oder christliche Symbole.
Ab dem Ende des 3. Jahrhunderts bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. schloss sich die Bronzezeit an. Für die Gemarkung Bodenheim belegen Siedlungsfunde, die 1894 in der Nähe der Spatzenmühle am südöstlichen Ortsrand entdeckt wurden – bestehend aus Scherben, Gefäßen, dem Bruchstück eines Steinbeils und Tierknochen – bronzezeitliche Ansiedlungen.
. Bis zum Beginn der Eisenzeit konnten bisher keine Siedlungsfunde in der Gemarkung Bodenheim festgestellt werden, obwohl aus dem Umland Funde überliefert sind.[4] Für die Eisenzeit selbst können mehrere archäologische Funde belegt werden.[5] Zusammenfassend sind die Anfänge der Geschichte Bodenheims nur fragmentarisch belegt, weil gewisse Kulturabschnitte gar nicht oder nur durch wenige Funde belegt sind.[6]
Die römische Epoche
Durch die Erweiterung des Römischen Reiches unter Caesar wurde auch Rheinhessen Teil des römischen Einflussgebiets. Im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. führte die Germanienpolitik von Kaiser Augustus zur dauerhaften Besetzung Rheinhessens. Dieses wurde bis ca. 460 n. Chr. Teil des Imperium Romanum mit seinem Basislager in Mogontiacum, das durch Drusus maior, den Stiefsohn von Kaiser Augustus, angelegt wurde. Nach Ende der römischen Zeit 460 n.Chr. löste sich die römische Verwaltung auf und neue Bevölkerungs- und Herrschaftsgruppen etablierten sich. In dieser Zeit bestanden die Siedlungen aus Landgütern, bestehend aus einem Herrenhaus, Nebengebäuden, Hof- und Wirtschaftsflächen, die meist ummauert und mit einer Stichstraße an eine Durchgangsstraße angebunden waren, im Falle Bodenheims die heutige B9. Bodenheim hatte als Siedlungsort dank seiner Nähe zur Militär-, Verwaltungs- und Wirtschaftszentrale Mogontiacum und zur heutigen B9 eine günstige Lage. Es bestand aus drei römischen Landgütern.[7] Die Funde aus dieser Zeit belegen einen lebhaften Güteraustausch, dessen Grundlage eine Natural- und Geldwirtschaft war. Bodenheimer brachten landwirtschaftliche und womöglich auch handwerkliche Produkte in Umlauf, u.a. nach Mogontiacum, und im Gegenzug erwarben sie Manufakturerzeugnisse, Luxuswaren und hochwertiges Baumaterial.[8]
Mittelalter
Nach dem Ausklingen der römischen Besiedlung setzte die eigentliche Entstehung Bodenheims ein. Durch den Zuzug germanischer Bevölkerungsgruppen im Frankenreich unter Chlodwig I. kurz vor bis kurz nach 500 n.Chr. sowie die Umschichtung eines Großteils der damaligen Bevölkerung in den bäuerlichen Lebensbereich wurde die auch heute noch gültige Grundlage der Siedlungsverteilung in Rheinhessen geschaffen.
Archäologische Quellen deuten darauf hin, dass Bodenheim aus ursprünglich drei fränkischen Flächen für Wohnen und Bestattung hervorging. Diese Siedlungskerne wuchsen im Lauf der Zeit zusammen.[9] Ein typisches Merkmal der rheinhessischen Dörfer im Frühmittelalter ist die Unterteilung der Gemarkung in Wiesen, Ackerland und Weinbergsland. Das Kloster St. Alban in Mainz wird bereits 775 und 802 als Weinbergsnachbar erwähnt und wird in späterer Zeit der wichtigste Grundherr in Bodenheim.[10]
Ebenso verfügte eine Abtei im Elass über anteiligen Wingertbesitz in Bodenheim. Dies belegt die überregionale Bedeutung des Ortes und seine Einbindung in ein weitreichendes klösterliches Besitznetz.[11] Im. Diese ursprünglich europaweite Einbindung reduzierte sich mit der Zeit auf St. Alban und die Mainzer Stifte. Nur das Wormser Nonnenmünster blieb als auswärtiger geistlicher Grundbesitzer. Parallel dazu nahm auch dessen überregionale Bedeutung nachhaltig ab und konnte in diesem Maß nicht mehr erreicht werden.[12]
Auch das Mainzer Benediktinerkloster St. Alban besaß bereits im 8. Jahrhundert Güter in Bodenheim. Ausgehend von seinem Grundbesitz entwickelte sich St. Alban nach und nach zum größten Grundbesitzer im Ort und setzte sich schließlich gegenüber den anderen Grundbesitzern als Ortsherr durch, indem es weitere Rechte – vor allem die Gerichtsrechte – an sich ziehen konnte. Die Verfügungsgewalt über die Rechtsprechung im Ort war ein wichtiges Herrschaftsinstrument für einen Ortsherrn.
Das Bodenheimer Hubgericht (=Dorfgericht) war für die Überwachung und Eintreibung des Zehnten zuständig. Zudem regelte es die Angelegenheiten der bäuerlichen Bevölkerung. Das in Bodenheim ansässige Obergericht traf in den vom Kloster (und späteren Ritterstift) Sankt Alban verwalteten Orte Berufungsentscheidungen.
Ein entscheidender Schritt zur Erlangung der Ortsherrschaft war der Erwerb der Vogtei. Die kirchlichen Grundbesitzer hatten weltliche Herren zu Vögten ernennen müssen, die in ihrem Namen Bluturteile in der Hochgerichtsbarkeit treffen mussten. Kirchenmännern waren solche Handlungen verboten.
Die Vögte nutzten ihre Stellung als Herren der Hochgerichte häufig aus, um selbst in den Besitz der Ortsherrschaft zu gelangen. Die Kirche war daher bestrebt, ihre Vögte wieder abzusetzen. Vögte des Klosters St. Alban waren die Herren von Bolanden. 1277 erwarb das Kloster mit finanzieller Hilfe der Bodenheimer Gemeinde die Vogtei, die inzwischen von den Bolandern an die Herren von Hohenfels vererbt worden war. Mit dem Kauf der Vogtei verfügte St. Alban somit über die Ortsherrschaft in Bodenheim. Der jetzt vom Kloster eingesetzte Richter verhandelte Rechtsfälle der sogenannten Niederen Gerichtsbarkeit wie Beleidigungen, Schlägereien und Gemarkungsverletzungen usw. Die Blut- oder Hochgerichtsbarkeit (Diebstahl, Mord und andere Kapitaldelikte) oblag den Beamten des Mainzer Erzstift als dem zuständigen Landesherrn.
Frühe Neuzeit
Die Gemeinde Bodenheim hatte sich am Erwerb der Vogtei durch St. Alban beteiligt. Die damit verbundenen Hoffnungen erfüllten sich jedoch offenbar nicht, denn die weitere Geschichte ist von zunehmenden Auseinandersetzungen um die Ortsherrschaft geprägt. Das Kloster suchte schließlich Hilfe beim Mainzer Erzbischof. In einem Vertrag vom Jahr 1536 wurde die Ortsherrschaft St. Albans endgültig festgeschrieben. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb das Kloster (ab 1419 Ritterstift) Ortsherr von Bodenheim und bestimmte die Geschicke der Gemeinde.
Während des Dreißigjährigen Krieges 1618-1648 sah sich Bodenheim wie viele andere Gemeinden dem Durchzug der rivalisierenden Armeen, deren Einquartierungen, Raub, Gewaltdelikten, Steuern und Beschlagnahmungen ausgesetzt.
Zeitweise zählte Bodenheim zu den Zentren der europäischen Hexenverfolgung, gemessen an der Relation von Opferzahl zur Anzahl der Einwohner und der Verfolgungsdauer. Seinen Anfang nahm diese Verfolgungsepisode mit der Verhaftung der Witwe Merg Scholl am 8. Oktober 1612.[13] Sie solle ein Kind mittels Zauberei getötet haben. Allerdings sah sich Merg Scholl schon vor dieser Anklage Vorwürfen aus der Bevölkerung ausgesetzt, sie sei eine Hexe. Im darauffolgenden Frühjahr wurde sie zusammen mit zwei weiteren angeklagten Frauen zum Tode verurteilt und anschließend verbrannt. Die Verfolgungswelle dauerte bis 1615 an und betraf 32 Menschen aus Bodenheim. Von diesen starben 27; eine Frau wurde zwar freigelassen, war jedoch aufgrund der Folter ein Leben lang körperlich beeinträchtigt. Vier weiteren Angeklagten wurde zur Flucht verholfen. Sie mussten Bodenheim verlassen und lebten jahrelang ohne Besitz, Heimat oder ihre Angehörigen. Aufgrund der Anwesenheit von kurmainzischen Juristen an den Prozessen und ihrem entsprechend hohen Einfluss auf die Prozessführung ist eine gewisse Nähe zu den kurmainzischen Hexenverfolgungen nicht verwunderlich.[14]
Weitere Hexenverfolgungen können für die Jahre 1628-1630/31, 1637/38 sowie 1644 belegt werden.[15]
Nach der Französischen Revolution und dem Beginn der Revolutionskriege kam die französische Armee unter General Custine am 17./18. Oktober 1792 in Bodenheim an. Dies markierte für Bodenheim das einsetzende Ende der Geschichte als kurmainzisches Dorf. Österreich und Preußen verbündeten sich mit dem Mainzer Kurfürst zu einem gegenrevolutionären Bündnis. Ziel der französischen Revolutionstruppen war es zu befreien und nicht zu erobern. Sie wollten zunächst das Selbstbestimmungsrecht der Völker wahren, rechneten jedoch nicht mit der mangelnden Bereitschaft der Bodenheimer und anderer Deutscher, sich aus ihren alten Verfassungen und Institutionen zugunsten der französischen „befreien” zu lassen. Somit wurde im Dezember 1792 angesichts der geringen Revolutionsbereitschaft das Selbstbestimmungsrecht aufgehoben. Als die Franzosen abzogen, nahmen sie unzählige Nutztiere der Bodenheimer mit. Bodenheim wurde von der Kurmainzer Regierung für seine beständige Treue gelobt.
In den folgenden Jahren bis 1797 hatte Bodenheim unter dem Krieg zwischen Frankreich und dem verbündeten Preußen und Österreich zu leiden, durch Einquartierungen, Requirierungen von Nahrungs-, Futtermitteln und Holz, Schanzdienste sowie langfristige Belastungen der Gemeindekassen durch Kreditaufnahmen. Mit dem Friedensschluss von Campo Formio fiel Bodenheim an Frankreich und wurde für 17 Jahre französisch.[16] Mit der Eingliederung in Frankreich wurden die linksrheinischen Gebiete in vier Departements unterteilt. Diese wurden wiederum in Kantone untergliedert. Bodenheim gehörte von da an zum Departement Mont-Tonnerre, Donnersbergdepartement, dessen Hauptstadt Mainz war, und zum Kanton Oppenheim. Mit der Einführung des Präfektursystem im Frühjahr 1800 wurde Bodenheim mit Nackenheim zur Mairie Bodenheim vereinigt.[17] Nach der Niederlage Napoleons 1813 und der anschließenden Zurückdrängung der französischen Truppen durch die antinapoleonische Koalition wurde 1814 eine Übergangsregierung für das Mittelrheingebiet eingesetzt. Damit begann eine mehrjährige Übergangszeit, die mit der Umteilung der Territorien. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 wurden die linksrheinischen Gebiete neu unter verschiedenen Staaten aufgeteilt. Rheinhessen kam zum Großherzogtum Hessen. Rückblickend wird die „französische Zeit“ überwiegend positiv bewertet.[18]
19. Jahrhundert: Vom Vormärz bis zur Reichseinigung (Köhler)
Ab 1800 zur Umverteilung der Besitzungen, Grundherrschaftliche gingen in Privatbesitz über, zum Nachteil der Einheimischen. Davon profitierten u.a. der Sachse Johann Großmann, der 1803 das Nonnenhofgut erwarb, sowie der Bayer Dr. phil. Franz Karl Kirchgessner, der das Breidenbach-Bürresheimische Gut erhielt. Damit einher ging die Leitung der Gemeinde, die Großmann zunächst von 1815 bis 1825 und Kirchgessner 1825 bis 1832 innehatten.[19]
Die Deutsche Revolution 1848/49 spielte sich ab März 1848 auch in Rheinhessen ab.[20] Die daran beteiligte Familie Bamberger stammte ursprünglich aus Bodenheim.[21] Es ist kein Zufall, dass der TV 1848 Bodenheim in dieser Zeit gegründet wurde, weil zuvor ein Versammlungsverbot geherrscht hatte.
Mit der Eröffnung des Bahnhofs im Jahr 1853 wurde Bodenheim an die Zugstrecke Mainz-Mannheim angebunden.[22] 1882 ereignete sich ein Hochwasser, das schwere Schäden in Bodenheim, Nackenheim und Umgebung nach sich zog.[23]
20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg zeichnete Bodenheim. Rund sechzig Männer galten als gefallen oder vermisst, und machten Frauen zu Kriegswitwen. Zu den heimkehrenden Invaliden zählten dreißig Männer.[24]
Mit Ende der Kriegshandlungen, dem Waffenstillstand 1918 und der Ausrufung der Republik fand das Wilhelminische Kaiserreich sein Ende. Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die Befehlsgewalt und die nahende Besetzung des linken Rheinufers verursachte Unruhe. Die einsetzenden Veränderungen wurden für Bodenheims Bevölkerung außerdem sichtbar, als das deutsche Heer auf seinem Rückzug von der Westfront durch Rheinhessen kam und kurz danach am 11. Dezember die französische Besatzung des linken Rheinufers folgte.[25] Kommandeur für den Kreis Oppenheim, zu dem Bodenheim zählte, wurde der Chef de Bataillon Schwab. Mit der neuen Militärverwaltung gingen zahlreiche Veränderungen einher. Besonders betroffen waren das Alltagsleben der Bevölkerung und die kommunale Selbstverwaltung. Es gab eine nächtliche Ausgangssperre, das zeitlich begrenzte Verbot, eine Gaststätte aufzusuchen, das Übertreten der Gemeindegrenzen wurde genehmigungspflichtig und das Verlassen des besetzten Gebiets war verboten. Der Versailler Friedensvertrag von 1919 und das Rheinlandabkommen führten hier zu Erleichterungen.
Ein anderer Aspekt der französischen Besatzung war der Versuch durch kulturelle Angebote wie Sprachkurse, Musik- und Theatervorführungen eine Frankreich-zugewandte Stimmung zu generieren, um künftige Verbindungen mit den besetzten Gebieten zu fördern. Diese Versuche wurden durch die Einquartierungen der Soldaten getrübt, die aufgrund der mangelnden Kapazitäten in den Mainzer und Wormser Kasernen auch in Schulsälen, Wirtshäusern, Scheunen oder anderen privaten Räumlichkeiten unterkamen. Außerdem belastete die zwischenzeitlich eingerichtete Zollgrenze am Rhein viele rheinhessische Betriebe.[26] Während der Ruhrkrise verschärfte sich die Lage zwischen Besetzten und Besatzern. Aufgrund verzögerter Kohlelieferungen hatten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzt. Daraufhin rief die Reichsregierung die Bevölkerung an Ruhr und Rhein zum passiven Widerstand auf. Im Falle der Reichsbahn sollte durch Arbeitsniederlegung der Abtransport der Güter aus den besetzten Gebieten erschwert werden. Die französische Militärregierung reagierte unter anderem mit Ausweisungen, die bis 1924 durchgeführt wurden und bestanden. Der Betrieb der Reichsbahn wurde von französischen Eisenbahnbeamten übernommen, die in Unterkünfte einquartiert wurden, u.a. in Bodenheim. Dies gipfelte im Frühjahr 1923 in mehreren Ausweisungen von Bodenheimer Gemeindepolitikern.[27] Im Jahr 1923 wurde die deutsche Wirtschaft durch die wirtschaftliche Abriegelung des Ruhrgebiets und des besetzten Gebiets geschädigt. Vor dem Hintergrund der gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Notlage sowie der unkontrollierbaren Geldentwertung beendete die Reichsregierung unter Reichkanzler Gustav Stresemann im September 1923 den passiven Widerstand.[28] Mit der Unterzeichnung internationaler Verträge beruhigte sich die Lage und das Verhältnis der Franzosen zur Bevölkerung normalisierte sich zusehends.
Bereits während des Ersten Weltkriegs zeichnete sich eine Geldentwertung ab, die in der Nachkriegszeit und infolge der Ruhrkrise in einer Hyperinflation mündete.[29] Ende 1923 wurde eine neue Währung eingeführt. Andere Herausforderungen stellten in Bodenheim eine hohe Arbeitslosigkeit sowie Ernteausfälle dar. Die schwierige wirtschaftliche Lage begünstigte den stetigen Stimmenverlust der Zentrums-Partei in der katholisch geprägten Gemeinde. Ein Teil der Wählerschaft wandte sich zunächst Protestparteien zu, die ihre Stimmen ab 1930 wiederum an die NSDAP verloren. Protestparteien wie die NSDAP verstanden es, die Unzufriedenheit der Bevölkerung für sich nutzbar zu machen. Die Ortsgruppe der NSDAP war dabei erst im selben Jahr gegründet worden[30] und war bis 1933 nicht im Gemeinderat vertreten. 1928 erhielt sie bei den Reichstagswahlen in Bodenheim nur 4 Stimmen und bei der Kreistagswahl ein Jahr später 12 Stimmen.
Seit etwa 1930 etablierten sich in Bodenheim neben der NSDAP-Ortsgruppe auch Formationen der SA, der Hitlerjugend und der NS-Frauenschaft. Im Zeitraum 1930 bis 1932 stieg der Stimmenanteil der NSDAP in Bodenheim von 25 auf 42,6%. Nach der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 wurde durch Notverordnungen und gezielte Maßnahmen die politische Opposition ausgeschaltet, was auch in Bodenheim zur faktischen Aufhebung demokratischer Strukturen führte. Der Gemeinderat verlor seine Funktion, der bisherige Bürgermeister wurde abgesetzt, und der NSDAP-Ortsgruppenleiter Anton Sauer übernahm im Mai 1933 als kommissarischer Bürgermeister die alleinige Macht. In der Folge setzte sich das Führerprinzip durch, politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet oder in Konzentrationslager eingeliefert, während Parteien, Gewerkschaften und Vereine gleichgeschaltet oder aufgelöst wurden.[31] Auch auf die Bauern übten die Nationalsozialisten ihren Einfluss aus. Bürgermeister Sauer bedrängte sie, dem der NSDAP untenstehenden Landbund beizutreten. Der seit 1932 tätige bäuerliche Ortsgruppenfachberater, Heinrich Haub II., wurde am 1. Juni 1933 zum NS-Ortsbauernführer ernannt und führte dieses Amt bis zu seiner späten Einberufung der Wehrmacht im Februar 1945.[32]
Jüdisches Leben in Bodenheim
Jüdisches Leben gehörte seit Ende des Mittelalters zum Bodenheimer Gemeindebild.
Nach den Verfolgungen zur Zeit der Pest sollen sich ab der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts Juden in Bodenheim angesiedelt haben. Hierauf deutet der Herkunftsname eines Juden in Rothenburg o.d.T. von 1380 hin. Erst zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gibt es wieder Hinweise, dass zwei Juden aus Bodenheim nach Mainz geflüchtet seien.[33]
Im Jahre 1853 erbaute die jüdische Gemeinde Bodenheims eine Synagoge und 1883 erhielt sie die Erlaubnis zur Anlage eines Friedhofs am Ortsrand. Die relativ harmonische Koexistenz seit vielen Jahrzehnten endete mit der nationalsozialistischen Machtübernahme. Am 9. November 1938 wurde auch in Bodenheim gegen die verbliebenen Juden vorgegangen. So wurden unter anderem Angehörige der Familie Weil, misshandelt und am 12. November in das KZ Buchenwald deportiert.[34]Fortan war der jüdische Alltag gezeichnet von Ausgrenzung, Schikanen, Enteignungen, Plünderung und Gewalt. Viele jüdische Bürger, denen es möglich war, trieb dies ins Exil.
Seit der NS-Zeit leben kaum noch Jüdinnen und Juden in Bodenheim. Ein letztes Andenken bildet der erhalten gebliebene jüdische Friedhof, der damit in Rheinhessen eine Ausnahme darstellt. Dahingegen wurde die Synagoge nach der Enteignung zunächst als Stall, dann als Lagerhalle zweckentfremdet und anschließend vom neuen Eigentümer in den 1970er Jahren abgerissen. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel daran.[35]
Über den Kriegsbeginn finden sich keine Erwähnungen in den Gemeinderatsprotokollen. Schon im Herbst 1939 waren viele Männer zur Wehrmacht eingezogen worden. Bei den Unabkömmlichkeits-Stellungen bevorzugten Sauer und sein Stellvertreter Heinrich Haub ihre Parteigenossen. Mit der sich anbahnenden deutschen Niederlage wurde zunehmend die Angst vor Denunziation unter den Bodenheimern geschürt. Wer sich hinsichtlich einer möglichen Niederlage äußerte, feindliche Radiosender hörte oder mit Kriegsgefangenen Umgang pflegte, konnte angezeigt werden.[36]
Durch den Krieg herrschte auch in Bodenheim Arbeitermangel in der Landwirtschaft. Diesem Ausfall wirkte man mit dem Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern entgegen. Nach dem Frankreich-Feldzug im Sommer 1940 kamen 80 bis 90 französische Kriegsgefangene in Bodenheim an. Diese wurden in der alten Turnhalle in der Mainzer Straße einquartiert. Im Herbst 1943 wurden einige von ihnen in den Zivilarbeiterstatus entlassen und wohnten bei den Bauern. Für die osteuropäischen Zwangsarbeiter galten strengere Vorschriften. So war ihnen jeglicher privater Kontakt mit der deutschen Bevölkerung untersagt und wurde schwer geahndet. Während des Krieges arbeiteten ungefähr 120 ausländische Zwangsarbeiter in Bodenheim.[37]
Als sich das Kriegsende abzeichnete, wurde auch in Bodenheim der Volkssturm aufgeboten. Am 22. März 1945 nahmen amerikanische Truppen Bodenheim ein. In den Folgejahren 1947 bis 1949 mussten sich die örtlichen NSDAP-Funktionäre sowie die Nutznießer vor einer Spruchkammer ihrem Urteil stellen. Jedoch erhielten bis auf den Ortsgruppenleiter und den Ortsbauernführer fast alle milde Urteile, da sie als „nicht belastet” oder „Mitläufer” eingestuft wurden.[38]
Nachkriegszeit: Vom Dorf zur modernen Ortsgemeinde (1945-heute)
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeigte sich, dass Bodenheim kaum Bombenschäden zu verzeichnen hatte. Schon am 21. März 1945 und somit anderthalb Monate vor der eigentlichen Kapitulation am 8. Mai rückten amerikanische Soldaten in Bodenheim ein. Am 22. März wurde Johann Jamin zum Bürgermeister bestellt, wenige Wochen darauf aber von Gottfried Boxheimer abgelöst. Die Amerikaner verhängten eine Ausgangssperre und bis zu ihrem Abzug kam es zu 130 Requisitionen in einem Gesamtwert von 56.000 RM. Die schwierige Versorgungslage gipfelte in massiven Auseinandersetzungen. Ab dem 9. Juli wurde Bodenheim Teil der französischen Besatzungszone.
Mit Beginn der französischen Besatzungszeit ab dem 9. Juli 1945 mussten knapp 200 marokkanische Soldaten, 556 Evakuierte aus Mainz, 50 Evakuierte aus anderen Städten und 28 Flüchtlinge aus Allenstein in Ostpreußen in Bodenheim untergebracht werden. Zur Wohnungsnot kam die Lebensmittelknappheit.
Am 30. August 1946 begründeten die Franzosen das Rheinland-Pfalz. Bodenheim zählte zum Kreis Mainz mit Sitz in Oppenheim. Nach den ersten schwierigen Nachkriegsjahren erfolgte ein wirtschaftlicher Aufschwung, unter anderem durch die Währungsreform am 20. Juni 1948[39] und die Ansiedlung mittelständischer Betriebe, wie dem Spirituosenhersteller Kuemmerling im Jahr 1963. Außerdem wurden Neubaugebiete ausgewiesen, der Straßenbau schritt voran und die Wein- und Landwirtschaft wurde modernisiert.[40]
Seit den 1960er Jahren pflegt die Ortsgemeinde Bodenheim eine deutsch-französische Partnerschaft mit Seurre in Burgund.[41] Außerdem besteht seit 1992/eine Städte-Partnerschaft mit dem italienischen Grezzana.[42]
Mit der Verwaltungsreform von 1972 führte zur Bildung der Verbandsgemeinde Bodenheim, bestehend aus den Gemeinden Bodenheim, Gau-Bischofsheim, Harxheim, Lörzweiler und Nackenheim. Bodenheim wurde dabei zum Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung.[43] Heute zählt Bodenheim zum Landkreis Mainz-Bingen.
Literatur- und Quellenverzeichnis
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Seitenspalte
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Fußnoten
[1] Vgl. Stengel 1958, S. 47f. Diese älteste Abschrift der Urkunde in einem Fuldaer Cartular aus dem 9. Jahrhundert befindet sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg (HStAM K 424, fol. 18v, Digitalisat: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/digitalMediaViewer.action?archivalDescriptionId=2048627&selectId=156422645, abgerufen am 02.03.2026). In einer jüngeren Fassung derselben Urkunde heißt es in villa nuncupante Pattenheimo marca (Stengel 1958, S. 47f.).
[2] Vgl. Kaufmann 1976, S. 23f.; Vgl. Greule 2003, S. 74ff.
[3] Vgl. Zernecke 1991, S. 94; Zylmann 2003, S. 9.
[4] Vgl. ebd., S. 12f.
[5] Vgl. ebd., S. 15.
[6] Vgl. ebd., S. 22.
[7] Vgl. Rupprecht 2003, S. 25.
[8] Vgl. ebd., S. 27; s. a.: Burger, Daniel: Bodenheim in der Antike – Auf den Spuren römischer
Hinterlassenschaften am Römertag 2009, in: Berichte zur Archäologie in Rheinhessen und Umgebung, Mainz 2009, S. 74-79.
[9] Knöchlein 2003, S. 29.
[10] Vgl. ebd., S. 40.
[11] Vgl. ebd., S. 43.
[12] Vgl. ebd., S. 53.
[13] Vgl. Schmidt 2003, S. 120.
[14] Vgl. Verbandsgemeinde Bodenheim (Hg.) 1999, S. 17.
[15] Vgl. ebd., S. 125; s. a. Pelizaeus (Aufruf 05.12.2025).
[16] Vgl. Mahlerwein 2003, S. 129ff.
[17] Vgl. ebd., S. 137.
[18] Vgl. ebd., S. 141.
[19] Vgl. Köhler 2003, S. 145.
[20] Vgl. ebd., S. 149f. Nähere Informationen in: Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz in Kooperation mit dem Institut für Geschichtliche Landeskunde Rheinland-Pfalz (Hg.), „…überall weht die schwarz roth goldene Freiheitsfahne.“ Die Revolution von 1848/49 in Rheinland-Pfalz, Mainz, 2024.
[21] Alemannia Judaica (Aufruf 11.03.2026).
[22] Vgl. Landeszentrale für politische Bildung o. A., S. 8.
[23] Vgl. VG Bodenheim.
[24] Vgl. ebd., S. 210f.
[25] Vgl. Brüchert 2003, S. 204.
[26] Vgl. ebd., S. 206.
[27] Vgl. ebd., S. 208.
[28] Vgl. Scriba 2022.
[29] Vgl. Brüchert 2003, S. 213.
[30] Die Ortsgruppe wurde im Gasthaus „Zum Lindenbaum” gegründet (vgl. Brüchert, S. 94); Vgl. Würz, Markus: Kampfzeit unter Bajonetten (Geschichtliche Landeskunde, 70), Stuttgart 2012.
[31] Vgl. Brüchert 2010, S. 92ff.
[33] Vgl. Rohde 2001, S. 35.
[35] Vgl. VG Bodenheim (Hg.) 1999, S. 19; s.a. Kasper, Horst: Der jüdische Friedhof in Bodenheim und Schicksale der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Bodenheim und Nackenheim, Bodenheim 2004.
[36] Vgl. ebd., S. 117ff.
[37] Vgl. ebd., S. 119f.
[38] Vgl. ebd., S. 122.
[39] Vgl. Krämer 2003, S. 355ff.
[40] Vgl. VG Bodenheim (Hg.) 1999, S. 21.
[41] Vgl. ebd., S. 17.
[42] Vgl. Ortsgemeinde Bodenheim (Hg.): Partnerschaftsausschuss Grezzana-Bodenheim, https://www.bodenheim.de/leben-in-bodenheim/partnergemeinden/grezzana/ (Aufruf 27.01.2026).
[43] Vgl. VG Bodenheim, Rheinhessen, S. 21; Vgl. Krämer, Aspekte, S. 359.

