Fußball als Spiegel der Gesellschaft
Fußball ist weit mehr als ein Sport – er ist ein Spiegel der
Gesellschaft. In den Stadien stehen nicht nur sportliche Leistungen und Emotionen im Blickpunkt, sondern auch gesellschaftliche Konflikte, Stimmungen und Machtverhältnisse. Seit den 1980er Jahren – im Zuge des zunehmenden Rechtsextremismus – kam es auch in deutschen Stadien vermehrt zu offenen rassistischen, antisemitischen und antiziganistischen Beleidigungen und Sprechchören. Durch die gesellschaftlichen Umbrüche im Zuge der Wiedervereinigung wurde dies noch einmal verstärkt. Nationalistische und rechtsextreme Tendenzen prägten in wachsendem Maße auch die Fußballkultur, und Antiziganismus war ein fester Bestandteil davon. Gegnerische Spieler oder Vereine wurden mit „Zigeuner“-Rufen und -Gesängen beleidigt. Antiziganistische Beleidigungen kamen dabei nicht nur von den Fans, sondern auch von Spielern. Teilweise gehörten sie zur „Feierkultur“ nach einem gewonnenen Spiel. Antiziganismus auf Spruchbändern und Graffitis zählte zum Alltag. Auch, wenn sich die Beleidigungen oftmals gegen Personen richteten, die nicht Sinti und Roma waren, wurden mit ihnen antiziganistische Stereotype und „Zigeuner“-Bilder verbreitet. Sinti und Roma, die als Fußballer aktiv waren, verbargen und verbergen daher oftmals ihre Zugehörigkeit. In ganz Deutschland gibt es bis heute keinen Profi-Fußballer, der offen als Angehöriger der Minderheit auftritt.
„Schmähungen als ‚Zigeuner‘ richten sich beim Fußball häufig gegen Spieler, die nach einem Vereinswechsel auf Fans ihres ehemaligen Vereins treffen. Hier kommt das Motiv des ‚heimatlosen Zigeuners‘ zu tragen und [die] damit verbundene[n] Vorwürfe von Verrat, Illoyalität und Ehrlosigkeit. Im Umkehrschluss
festigt dies das Selbstbild der eigenen Gruppe als heimatverbunden, bodenständig, treu und ehrbar.“ [Anm. 1]
Fußball als „Ort der Aufklärung“
Fußball ist ein „Spiegel der Gesellschaft“ – wodurch er nicht nur ein Ort der Diskriminierung ist, sondern auch ein Raum für Aufklärung und Sensibilisierung sein kann. Einige Vereine, Faninitiativen und Verbände entwickelten Projekte, die Vielfalt und Respekt im Fußball fördern sollen. Zum 27. Januar 2004 riefen Fußballfreunde darüber hinaus die Initiative „!Nie wieder – Erinnerungstag im Deutschen Fußball“ ins Leben. Ein vielfältiges Bündnis aus Vereinen, Fanprojekten und Einzelpersonen setzt sich seitdem im Rahmen des 27. Januar mit Aktionen und Veranstaltungen für ein Gedenken an die NS-Verfolgten und für ein Stadion ohne Diskriminierung ein. 2020 stellte die Initiative das Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in den Mittelpunkt. Eine solch breite Aufmerksamkeit des Themas war eine Neuheit im Profifußball.
Auch Mainz 05 beteiligte sich an diesem Erinnerungstag und gedachte der verfolgten und ermordeten Sinti und Roma. Zwei Jahre später, ebenfalls im Rahmen des Erinnerungstags, übernahm Mainz 05 als erster Verein der Bundesliga die Arbeitsdefinition Antiziganismus der International Holocaust Remembrance Alliance
(IHRA). Ähnlich wie Mainz 05 distanziert sich auch der 1. FCK von jeglicher Art der Diskriminierung, auch wenn der Antiziganismus nicht ausdrücklich benannt wird. Auch kleinere Vereine sind aktiv. Der FC Ente Bagdad ist seit 2017 Initiator der Mainzer Erinnerungswochen, die jährlich rund um den 27. Januar stattfinden. In diesem Rahmen organisiert der Verein – gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern – Freundschaftsspiele mit Vertretern verschiedener Verfolgtengruppen, darunter Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie Menschen mit Behinderung. Diese Begegnungen sollen die ‚verbindende Kraft des Fußballs‘ sichtbar machen und einen Beitrag zu Erinnerung, Austausch und Solidarität leisten.
Antiziganismus im Fußball Rheinland-Pfalz
Antiziganistische Äußerungen galten lange als „normal“ im Fußball und wurden daher selten hinterfragt. Durch die fehlende Sensibilisierung wurden antiziganistische Äußerungen in der Regel nicht dokumentiert und erfasst. Dies erschwert eine historische Untersuchung – insbesondere auch für die Amateurliga – enorm. Durch die sporadisch vorliegende Literatur und diverse Anfragen an Vereine, Archive und Einzelpersonen ist jedoch bekannt, dass Antiziganismus auch ein fester Bestandteil des rheinland-pfälzischen Fußballs war. So sind für Mainz 05 und den 1. FC Kaiserslautern antiziganistische Beleidigungen wie „Spieler XY, du Zigeuner“ und „Arschloch, Wichser, Hurensohn, Zigeuner“ sowie antiziganistische Sprechchöre wie „Zick Zack Zigeunerpack“ und „Zigeunerjunge, Zigeunerjunge“ bekannt. Gerade Sprechchöre zeigen, wie sich Antiziganismus in gruppendynamischen Prozessen verfestigte und weitergetragen wurde.
„Es ist eines WM-Bewerbers unwürdig, wenn Gästespieler als ‚Zigeuner‘ verunglimpft werden. Fair ist anders, fair geht vor.“
Kommentar von Horst Konzok zu antiziganistischen Ausfällen während eines Spiels des 1. FCK im Jahr 2002. [Anm. 2]
Antiziganismus im Fußball wird nur selten kritisch thematisiert oder überhaupt als Problem erkannt. Häufig bleiben entsprechende Äußerungen unsichtbar oder werden
verharmlost, sodass sie Teil der Alltagskultur im Stadion bleiben. Für die Betroffenen bedeutet dies eine zusätzliche Belastung, da Diskriminierung nicht benannt und damit auch nicht wirksam bekämpft werden kann. Umso wichtiger sind aus ihrer Sicht Initiativen, die Antiziganismus im Fußball sichtbar machen und aktiv dagegen vorgehen.
Literatur und Quellen (Auswahl)
Audio: Ronny Blaschke über rechte Fangesänge im Stadion. URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/185703/audio-ronny-blaschke-ueber-rechte-fangesaenge-im-stadion/ (11.11.2025).
Brunssen, Pavel: Gutachten Antiziganismus im Fußball und in Fußball-Fankulturen. Gutachten im Auftrag der Unabhängigen Kommission Antiziganismus des Deutschen Bundestages 2020.
Dembowski, Gerd & Scheidle, Jürgen (Hrsg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002.
Dembowski, Gerd: Rassismus. Brennglas Fußball. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 5. Frankfurt am Main 2005, S. 217-225.
Kampf gegen Vorurteile. Ausstellung über Sinti und Roma im Sport. „Unsere Leuchttürme sind nicht sichtbar“. URL: https://www.kicker.de/ausstellung-ueber-sinti-und-roma-im-sport-unsereleuchttuerme-sind-nicht-sichtbar-1092485/artikel (11.11.2025).
Siehe zur Arbeitsdefinition Antiziganismus der IHRA: https://holocaustremembrance.com/resources/arbeitsdefinition-von-antiziganismus
Fußnoten
Anm. 1: Agentur für Soziale Perspektiven: Grauzonen. Rechte Lebenswelten in Fußballfankulturen. Berlin 2016. Hier: S. 132. ↑ zurück
Anm. 2: Zit. nach: Rheinpfalz (Pfälzer Tageblatt) 18.03.2002, „Verbale Blutgrätsche“. ↑ zurück
