Radikalisierung der Verfolgung
Mit Beginn der NS-Zeit verschärften sich die Repressionen gegenüber Sinti und Roma auch im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz erheblich. Viele Sinti und Roma wurden aus ihren Berufen verdrängt, z. B. durch den Entzug von Wandergewerbescheinen. Wer dennoch versuchte, weiterhin seiner Arbeit nachzugehen, riskierte strafrechtliche Verfolgung. Seit März 1933 wurden auch Sinti und Roma in Konzentrationslager verschleppt. Mitte 1938 erreichte die Verfolgung einen ersten Höhepunkt, als mehrere Männer in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald verbracht wurden. Bereits Anfang 1937 forderte der pfälzische Gauleiter Josef Bürckel die Abschiebung aller Sinti und Roma aus der Pfalz. Im Juli 1938 ordnete der „Sonderbeauftragte“ für den Bau des Westwalls, Friedrich Pfeffer von Salomon, in einem geheimen Erlass eine solche Abschiebung in den ihm unterstellten Gebieten an.
Daraufhin folgten Abschiebungen zumindest aus Koblenz, Trier, Idar-Oberstein und Bad Kreuznach. Die Aktion führte jedoch zu Beschwerden aus anderen Regionen des Reichs, woraufhin die Reichskriminalpolizei die Abschiebungen offiziell stoppte.
© Landesverband Deutscher Sinti und Roma Rheinland-PfalzJakob Steinbach als deutscher
Soldat im 1. Weltkrieg
Jakob Steinbach (1895-1949)
Der Wormser Sinto Jakob Steinbach arbeitete als Musiker und betrieb nebenbei einen Pferdehandel. 1920 heiratete er Susanna Günther und bekam mit ihr neun Kinder. Bereits im März 1933 wurde Jakob Steinbach erstmals seiner Freiheit beraubt und im KZ Osthofen festgehalten. Nach einigen Wochen wurde er wieder entlassen, jedoch folgte später eine erneute Inhaftierung im KZ Osthofen. Die genauen Hintergründe sind bis heute unbekannt. In den folgenden Jahren wurden Jakob Steinbach und seine Familie immer mehr ausgegrenzt und letztlich im Jahr 1940 in das „Zigeunerlager“ nach Frankfurt am Main verschleppt. Jakob Steinbach überlebte den Genozid mit seiner Frau und acht seiner Kinder; ein Sohn wurde im KZ Bergen-Belsen ermordet.
Rassistisch motivierte Untersuchungen
Mit dem „Runderlass zur Bekämpfung der Zigeunerplage“ vom 8. Dezember 1938 ordnete Reichsführer-SS Heinrich Himmler die umfassende Erfassung aller Sinti und Roma im Deutschen Reich an. Zuständig dafür war die 1936 in Berlin eingerichtete „Rassenhygienische Forschungsstelle“ unter Leitung von Dr. Robert Ritter. Im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz hatte diese Stelle bereits vor dem Erlass sogenannte „rassenbiologische“ Untersuchungen durchgeführt. Solche sind für die Jahre 1937/38 aus Mainz, Ober-Ingelheim, Landau, Gräfenhausen, Eußerthal, Stein und Rülzheim bekannt.
„Wir mußten uns nacheinander auf einen Stuhl setzen, worauf Dr. Ritter die Augen der Kinder verglich und sie ausfragte; seine Mitarbeiterin hat alles notiert. Wir mußten den Mund öffnen und bekamen mit einem seltsamen Instrument den ganzen Rachen ausgemessen, danach die Nasenlöcher, die Nasenwurzel, die Augenweite, die Augenfarbe, die Augenbrauen, Ohren innen und außen, das Genick, den Hals, die Hände – alles, was überhaupt zu messen war.“
Josef Reinhardt [Anm. 1]
Literatur und Quellen (Auswahl)
Delfeld, Jacques Sr.: Der „Sonderzug“ fährt pünktlich um 10:49 Uhr. Das Schicksal der Sinti. In: Meyer, Hans-Georg (Hrsg.): „Freudige Gefolgschaft und bedingungslose Einordnung…“? Der Nationalsozialismus in Ingelheim. Ingelheim 2011, S. 468-484.
Delfeld, Jacques Sr.: Der Völkermord an den Sinti in der Pfalz. In: Meyer, Hans Georg/ Berkessel, Hans (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 1. Mainz 2000, S. 278-287.
Heuß, Herbert (Hrsg.): Die Verfolgung der Sinti in Mainz und Rheinhessen. 1933-1945. Landau 1996.
Krausnick, Michail: „Man kann verzeihen, aber nicht vergessen“. Der Völkermord an den pfälzischen Sinti und Roma. In: Nestler, Gerhard/ Ziegler, Hannes (Hrsg.): Die Pfalz unterm Hakenkreuz. Landau 1993, S. 357-375.
Wolf, Silvia: Überleben – das war für uns nicht vorgesehen! Lebensgeschichten rheinland-pfälzischer Sinti-Familien. Landau 2012.
LASp J10 5548 und 6721; NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz Ost 122, Ost D 18 und D 19.
Anm. 1: Josef Reinhardt, Interview 1991, zit. nach: Delfeld, Jacques Sr.: Der Völkermord an den Sinti in der Pfalz. In: Meyer, Hans Georg/ Berkessel, Hans (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 1. Mainz 2000, S. 278-287, hier: S. 280. ↑ zurück