Rückkehr nach Landau
Nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager kehrten viele der überlebenden Sinti-Familien auch nach Landau zurück. In ihre früheren Wohnungen und Häuser konnten sie jedoch nicht gehen, da andere Menschen darin wohnten. Ihnen wurden stattdessen notdürftige Unterkünfte am Rand der Stadt zugewiesen. Dort mussten sie unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Die sogenannte Dörrenberg-Siedlung steht bis heute für das Fortwirken von Ausgrenzung und Diskriminierung.
„Wie der Krieg zu Ende war I…] sind [wir] zu Fuß wieder hierher gegangen. Und wie wir angekommen sind, waren dort, wo wir gewohnt hatten, andere Leute drin.“
Johanna Pückler [Anm. 1]
Leben in der Dörrenberg-Siedlung
Über Jahrzehnte waren die Unterkünfte am Dörrenberg beengt und in schlechtem baulichem Zustand. Viele Wohnungen hatten weder eigene Toiletten noch Wasseranschlüsse, Sanitäranlagen lagen teils bis zu 50 Meter entfernt. In den Wintermonaten waren die Baracken kaum beheizbar, feucht und undicht; Rattenbefall war keine Seltenheit. Noch in den 1980er-Jahren fehlten grundlegende Sanierungen. Bewohner:innen forderten wiederholt den Abriss der maroden Gebäude und den Bau fester Häuser. Erst in den 1990er-Jahren wurden allmählich Verbesserungen umgesetzt – die baulichen Missstände hatten jedoch lange das Leben im Viertel geprägt und trugen zu seiner Stigmatisierung bei.
Soziale Ausgrenzung
Neben den schlechten baulichen Bedingungen litten die Bewohner:innen des Dörrenbergs unter sozialer Ausgrenzung. Berichte dokumentieren, dass viele von ihnen trotz Bemühungen keine Wohnung in anderen Stadtteilen fanden – Vermieter:innen zogen Zusagen zurück, sobald die Herkunft bekannt wurde. Begegnungen in der Stadt waren oft von Vorurteilen geprägt. Auch öffentliche Debatten trugen zur Stigmatisierung bei, etwa als der von Mitte der 1980er- bis Mitte der 2000er-Jahre amtierende Oberbürgermeister einzelnen Bewohner:innen eine Mitschuld am Zustand der Gebäude zuschrieb. Solche Erfahrungen verstärkten das Gefühl, nicht nur räumlich, sondern auch gesellschaftlich an den Rand gedrängt zu werden.
„Wenn ich meine Adresse nenne, ist es aus“
Anwohnerin [Anm. 2]
„Do kummen widder ä paar, nemmen die Zeitung mit fer fotografiert zu werre, awwer bassiere dut nix.“
Anwohner [Anm. 3]
„So wurde man sofort schief angeschaut, als ob man Dreck wäre.“
Anwohnerin [Anm. 4]

Leserbrief einer Anwohnerin an Die
Rheinpfalz, abgedruckt am 27.3.1998.
Anonymisierung durch uns.
Auf dem Dörrenberg wohnten neben
vielen Sinti auch andere marginalisierte
Gruppen wie z.B. sog. „Gastarbeiter“ oder
Jenische. In der Mehrheitsbevölkerung
ist das Viertel bis heute verrufen und
als „Texas“ bekannt.
Statement des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz
“Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma erinnert daran, dass die Geschichte des Dörrenbergs bis heute Spuren hinterlassen hat. Die damalige Stigmatisierung wirkt fort, und auch heute bleibt der Zugang zum Wohnungsmarkt für viele Sinti und Roma eingeschränkt. Bedingungen wie in Landau herrsch(t)en dabei auch in vielen anderen rheinland-pfälzischen Städten. Der Landesverband führt dazu aus: „Allein die Tatsache, Anwohner dieser Viertel zu sein, bedeutete für viele schon faktisch eine Form der Stigmatisierung. […] Die Suche nach Wohnraum hat sich für Sinti und Roma in den letzten Jahren angesichts der Verknappung des Wohnraums wieder verschärft. Nur Wenigen aus der Community ist es gelungen auf dem freien Wohnmarkt Zugang zu finden. Dies war für sie nur möglich, weil sie ihren ethnisch-kulturellen Hintergrund verschwiegen haben.“
Antwort des Landesverbands auf eine schriftliche Anfrage
im Rahmen des Studierendenprojekts.
Literatur und Quellen (Auswahl)
Renner, Erich: Zigeunerleben. Der Lebensbericht des Sinti-Musikers und Geigenbauers Adolf Boko Winterstein. Frankfurt am Main 1988.
Widmann, Peter: An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik. Berlin 2001.
Wolf, Silvia: Überleben. Das war für uns nicht vorgesehen. Lebensgeschichten rheinland-pfälzischer Sinti-Familien. Landau 2012.
Stadtarchiv Landau Nr. 3, 17, 221, 231 und 276.
Anm. 1: Johanna Pückler, geb. Winterstein, zit. nach: Renner, Erich: Zigeunerleben. Der Lebensbericht des Sinti-Musikers und Geigenbauers Adolf Boko Winterstein. Frankfurt am Main 1988. Hier: S. 157. ↑ zurück
Anm. 2: Eine Anwohnerin, zit. nach: Stadtarchiv Landau, Nr. 231, Die Rheinpfalz (Pfälzer Tageblatt) vom 27.01.1983. ↑ zurück
Anm. 3: Ein Anwohner, zit. nach: Stadtarchiv Landau, Nr. 231, Die Rheinpfalz (Pfälzer Tageblatt) vom 24.09.1973. ↑ zurück
Anm. 4: Eine Anwohnerin, zit. nach: Stadtarchiv Landau, Nr. 231, Die Rheinpfalz (Pfälzer Tageblatt) vom 15.08.1977. ↑ zurück

