„Anfang der 70er Jahre begannen wir, die damalige junge, politisch aufgeschlossene Generation aus Mannheim und Ludwigshafen, uns in einem kleinen Kreis gemeinsam mit Romani Rose in Ludwigshafen in einem Gartenhäuschen zu treffen, wo über die Notwendigkeit der Bürgerrechtsarbeit für Sinti und Roma gesprochen wurde. Lange Zeit blieb es allerdings nur beim Besprechen. Als damals bekannt wurde, dass Leo Karsten, ein Nazi, der viele Sinti im Konzentrationslager
misshandelt hatte, in Ludwigshafen wohnte, sorgte das für einige Aufregung bei den Sinti in der Umgebung. Wir beabsichtigten, gemeinsam mit betroffenen Sinti und der
Presse, Leo Karsten aufzufordern, zu den ihm vorgeworfenen Handlungen öffentlich Stellung zu nehmen. Dazu kam es nicht mehr, denn es geschah etwas Furchtbares: Ein Sinto aus Heidelberg wurde vor den Augen seiner Familie von der Polizei erschossen. Soweit ich das heute beurteilen kann, war dies der Augenblick, in dem sich die in den vergangenen Jahren angestaute Frustration der Sinti […] Luft machte. […] Dennoch mussten vielerlei Hindernisse überwunden werden, bis endlich […] das öffentliche Interesse für den verschwiegenen und vergessenen Völkermord an den Sinti und Roma zunahm.“
Reinhold Lagrene [Anm. 1]
Leo Karsten
Leo Karsten (1898-unbekannt) leitete ab 1939 die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ im Berliner Polizeipräsidium. In dieser Funktion war er für die Erfassung und Deportation der Berliner Sinti und Roma verantwortlich. Nach 1945 arbeitete er bei der Polizei in Ludwigshafen. Außerdem trat er in vielen „Wiedergutmachungs“-Verfahren von Sinti und Roma als eine Art „Sachverständiger“ auf, was zu zahlreichen Ablehnungen der Anträge führte. Seit den 1950er-Jahren kam es wiederholt zu Versuchen von Überlebenden, ihn strafrechtlich für seine Beteiligung am Völkermord zu belangen. Ein 1958 von der Staatsanwaltschaft Frankenthal aufgenommenes Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord wurde 1960 eingestellt. Karsten wurde strafrechtlich nie belangt.

Hungerstreik in Dachau, 1980
Hier erfahren Sie mehr über den Hungerstreik:
https://tinyurl.com/yun5uxe2
Gedenkkundgebung in Bergen-Belsen und Hungerstreik in Dachau
Am 27. Oktober 1979 fand in Bergen-Belsen die erste große internationale Gedenkkundgebung für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma statt. Nur wenige Monate später, an Ostern 1980, traten elf Sinti – darunter vier Überlebende des Völkermords – in der KZ-Gedenkstätte Dachau in einen Hungerstreik. Beide Aktionen machten auf die fehlende Anerkennung des nationalsozialistischen Völkermords an Sinti und Roma sowie auf fortbestehende antiziganistische Diskriminierung aufmerksam, insbesondere durch Behörden und Polizei. Sowohl die Gedenkkundgebung als auch der Hungerstreik stießen auf breite Solidarität in Teilen der Mehrheitsgesellschaft und waren wichtige Schlüsselereignisse für die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma.
Reinhold Lagrene
Reinhold Lagrene wurde am 16. März 1950 als Sohn zweier Auschwitz-Überlebender geboren. In den 1970er-Jahren engagierte er sich gemeinsam mit seiner Frau Ilona Lagrene stark in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. Nachdem der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma im Jahr 1982 gegründet worden war, wurde Lagrene Mitglied des Vorstands. Romani Rose wurde Vorsitzender. Seit 2015 war Reinhold Lagrene stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats. Neben seiner Tätigkeit für den Zentralrat war er in den Landesverbänden Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg aktiv. In den 1990er-Jahren engagierte er sich zudem beim Aufbau des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, dessen Bildungsreferat er ab 2001 leitete. Ein besonderes Anliegen war ihm auch der Erhalt der Sprache Romanes. Er übersetzte Erzählungen und Gedichte ins Romanes und schrieb selbst eigene Gedichte in Romanes. Lagrene starb am 28. November 2016 in Mannheim.
Demonstration in Heidelberg
Am 31. Mai 1973 (Vatertag) wollte der 53-jährige Anton Lehmann, Überlebender des Völkermords, für eine Geburtstagsfeier in einer Gaststätte eine Kiste Bier besorgen. Im Zuge einer Auseinandersetzung über das Flaschenpfand wurde Lehmann rassistisch beleidigt. Dabei soll auch der Satz „Ihr dreckigen Zigeuner gehört vergast“ gefallen sein. Bei einem anschließenden antiziganistischen Polizeieinsatz wurde Lehmann, der bereits zur Familienfeier zurückgekehrt war, von einem Polizeibeamten erschossen. Am 18. Juni 1973 demonstrierten etwa 100 Sinti und Roma erstmals bei einer öffentlichen Kundgebung und einem anschließenden Schweigemarsch in Heidelberg. Sie forderten u. a. eine Bestrafung des Beamten und das Ende antiziganistischer Polizeipraktiken.
Hier erfahren Sie mehr über die tödlichen Polizeischüsse und die sich anschließende Demonstration:
https://tinyurl.com/47v8339c
https://tinyurl.com/4wtb7vz2
Landesverband Rheinland-Pfalz
Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz wurde 1983 als dritter Landesverband im Zentralrat gegründet. Seinen Sitz hat er seit der Gründung im südpfälzischen Landau. Der Verband setzt sich u.a. für die Rechte von Sinti und Roma im Land ein, unterstützt beispielsweise bei Entschädigungsanträgen, Wohnungs- und Schulfragen und kritisiert öffentlich antiziganistische Polizeipraktiken sowie diskriminierende Medienberichte.
Mehr über die Arbeit des Landesverbands können Sie hier erfahren:
https://www.vdsr-rlp.de/
Literatur und Quellen (Auswahl)
Nachruf vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma auf Reinhold Lagrene vom 29. November 2016. URL: https://zentralrat.sintiundroma.de/nachruf-reinholdlagrene/(2.12.2025).
Gedicht von Reinhold Lagrene als Video vom Dokumentationsund Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma: URL: https://www.youtube.com/watch?v=hl63s26KF84 (2.12.2025).
Reinhold Lagrene über seine Rolle als Nachkomme von Holocaust-Opfern: URL: https://www.youtube.com/watch?v=W6O0piXsF64 (2.12.2025).
Levy, Sarah: Mit Hornhaut auf der Seele. In: Taz 27.10.2013. URL: https://taz.de/Hausbesuch-bei-Sinti-Familien/!5056367/ (2.12.2025).
Anm. 1: Lagrene, Reinhold: Mein Weg zur Bürgerrechtsarbeit. In: Pädagogisches Zentrum Rheinland-Pfalz/ Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Sinti und Roma. Eine deutsche Minderheit. PZ-Informationen 2/99. Bad Kreuznach 1998, S. 95-96. ↑ zurück


