Der Genozid an Sinti und Roma

„Im Mai 1940 kam dann morgens in aller Frühe die Polizei. Mein Vater und mein Bruder hatten am Abend zuvor in der Stadt davon gehört, daß alle Sinti abgeholt werden sollten. Aber wo hätten wir hingehen sollen – wir waren ja zu Hause. Es war ein Polizeibeamter aus Landau dabei, er hieß Kießling. Wir durften nur das Nötigste mitnehmen. Mit dem Auto wurden wir zur Polizeistation in Landau und noch am selben Tag zum Bahnhof gebracht. Dort waren schon viele Sinti aus der ganzen Umgebung versammelt. Fragten wir, wo wir hinkommen, wurde uns nur gesagt, wir werden evakuiert. Wir fuhren mit dem Zug bis Asperg.“

Johanna Pückler aus Landau [Anm. 2]

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Deportation und Ermordung

Im Mai 1940 erfolgte die erste großangelegte Deportation von Sinti und Roma. 160 Männer, Frauen und Kinder aus der Pfalz, 107 aus Mainz, jeweils 61 aus Ludwigshafen und Worms sowie neun aus Ingelheim wurden in das Sammellager Hohenasperg verschleppt. Aus den Kriminalpolizeibezirken Koblenz und Trier erfolgte die Verschleppung von rund 100 Menschen in ein Sammellager nach Köln. Von diesen Sammelorten aus wurden die Betroffenen in Ghettos und Zwangsarbeitslager im besetzten Polen deportiert. Mit dem „Auschwitz-Erlass“ vom 16. Dezember 1942 ordnete Himmler die Deportation der im Reich verbliebenen Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz an. Betroffen waren u.a. Personen, die 1940 in das Zwangslager Dieselstaße in Frankfurt am Main verschleppt worden waren, sowie mehrere Kinder, die sich im Nardini-Haus in Pirmasens und im Mädchenheim Maria Rosenberg in Waldfischbach befanden. Wer nicht deportiert wurde, weil er in einer sogenannten „Mischehe“ lebte – also nach NS-Rassenideologie mit einem Angehörigen der „Volksgemeinschaft“ verheiratet war –, dem drohte die Zwangssterilisation.

Walburga Lind, geb. Winter (1915-1943)

Walburga Lind lebte mit ihrem Ehemann Adam Lind und ihren Kindern Johannes (1931), Selma (1933), Rosa (1935) und Luzia (1937) im Westerwald, dem Bergischen Land und dem Siegerland. Im Zuge der Verfolgung von Sinti und Roma wurde Adam Lind 1938 in das KZ Buchenwald verschleppt. Walburga Lind und ihre Kinder wurden zwangsweise nach Nisterberg (Westerwald) in einen außerhalb des Ortes gelegenen Unterstand eines Bauern verbracht. Aufgrund fehlender Elektrizität und sanitärer Anlagen ging Walburga Lind hinter dem Backhaus der Stadt im Bach baden und wusch dort die Wäsche. Die lokale Bevölkerung nannte sie deshalb abfällig „Backesnelly“. Kurz vor Weihnachten 1942 pochte ein Lehrer der Volksschule Nisterberg, die von drei Kindern der Familie Lind besucht wurde, erfolgreich auf den Ausschluss der Kinder. Im März 1943 wurde Walburga Lind mit ihren Kindern nach Auschwitz deportiert, wo sie wenige Monate nach ihrer Ankunft starben. Adam Lind war bereits im April 1942 als Häftling des KZ Dachau in der Tötungsanstalt Hartheim (Österreich) ermordet worden. Auch nach ihrer Ermordung wurden Walburga Lind und ihre Familie antiziganistisch diskriminiert und abgewertet. So wurde die Familie wiederholt öffentlich verspottet, beispielsweise in den 1950er-Jahren während eines Rosenmontagsumzugs in Herdorf, um 1960 auf einem Dorffest in Siegen-Obersdorf sowie 1974 bei einem Festzug in Friedewald.

Walburga und Adam Lind mit Kinderwagen,
Herdorf 1935
Das Bild wurde von Angehörigen der
Mehrheitsgesellschaft aufgenommen.
Im Hintergrund sieht man mehrere
Personen, die die Familie beobachten.

Verspottung der ermordeten
Familie bei einem Dorffest in
Siegen-Obersdorf um 1960

Forschungslage

Alle Verfolgungsmaßnahmen wurden von lokalen Behörden – darunter Kommunen, Polizeistellen, Gesundheitsämter und Fürsorgeeinrichtungen – nicht nur unterstützt, sondern teilweise auch aktiv vorangetrieben. Trotz umfangreicher Archivbestände ist unser Wissen über diese Prozesse aufgrund fehlender Studien nach wie vor begrenzt. So bleiben viele Geschichten der Verfolgten bis heute unerzählt – ebenso wie die Rolle zahlreicher lokaler Täter:innen. Zur Forschungslage erklärte die Historikerin Karola Fings anlässlich eines Vortrags am 2. März 2023 im Haus des Erinnerns (Mainz): „In der Vorbereitung zu dieser Veranstaltung habe ich feststellen müssen, dass es leider zu den Städten und Gemeinden auf dem heutigen Gebiet des Bundeslandes [Rheinland-Pfalz] sehr wenig Forschung gibt. Insbesondere im Vergleich zu anderen Bundesländern ist diese Lücke offensichtlich.“[Anm. 2]

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Literatur und Quellen (Auswahl)

Delfeld, Jacques Sr.: Der „Sonderzug“ fährt pünktlich um 10:49 Uhr. Das Schicksal der Sinti. In: Meyer, Hans-Georg (Hrsg.): „Freudige Gefolgschaft und bedingungslose Einordnung…“? Der Nationalsozialismus in Ingelheim. Ingelheim 2011, S. 468-484.

Delfeld, Jacques Sr.: Der Völkermord an den Sinti in der Pfalz. In: Meyer, Hans Georg/ Berkessel, Hans (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 1. Mainz 2000, S. 278-287.

Fings, Karola: „Aus gegebener Veranlassung“. Die Verfolgung und Ermordung der Familie Lind. In: Hennes, Christina/ Delfeld, Jacques Jr. (Hrsg.): Fokus: Antiziganismus in Rheinland-Pfalz 2022-2023. Landau 2024, S. 40-45.

Heuß, Herbert (Hrsg.): Die Verfolgung der Sinti in Mainz und Rheinhessen. 1933 -1945. Landau 1996.

Anm. 1: Johanna Pückler, Interview 1996, zit. nach: Delfeld, Jacques Sr.: Der Völkermord an den Sinti in der Pfalz. In: Meyer, Hans Georg/ Berkessel, Hans (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 1. Mainz 2000, S. 278-287, hier: S. 282.↑ zurück

Anm. 2: Karola Fings, zit. nach: Dies.: Vortragsmanuskript „Dimensionen des Völkermordes an den Sinti und Roma. Das Beispiel Rheinland-Pfalz“ (unveröffentlicht). ↑ zurück