
Ausstellung „Die Überlebenden sind die Ausnahme“
in Landau, 1992
Angesichts der zunehmenden rechtsextremen
Gewalt kam es auch zu einer Solidarität zwischen
den NS-Verfolgtengruppen. Ministerpräsident
a.D. Bernhard Vogel, Ignatz Bubis (Zentralrat der
Juden in Deutschland), Jacques Delfeld Sr.
(Landesverband Deutscher Sinti und Roma RLP)
und Oberbürgermeister Christof Wolff bei der
Betrachtung der Ausstellung.
Überlebt – und doch war es nicht vorbei
Überlebende des Völkermords und ihre Nachkommen wurden nicht nur jahrzehntelang von einer „Wiedergutmachung“ nahezu ausgeschlossen und an die Ränder der Städte gedrängt, sondern waren auch darüber hinaus in ihrem Alltag mit antiziganistischenvKontinuitäten konfrontiert. Viele zogen sich in die Gemeinschaft
der Community zurück und/oder versuchten, sich nach außen nicht als deren Teil erkennen zu geben. Der Umgang mit der Vergangenheit war in den Familien
unterschiedlich. Einige sprachen jahrzehntelang nicht über den Verlust von Angehörigen und das, was sie selbst hatten erleben müssen. Andere erzählten ihren Kindern recht früh und offen davon. Aufgrund der körperlichen und seelischen Folgen, unter denen die Überlebenden litten, mussten außerdem viele Nachkommen ihre Eltern bereits in jungen Jahren z. B. bei Behördengängen und der Sicherung des Lebensunterhalts unterstützen. Die Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könne, war in vielen Familien präsent und verstärkte sich in den 1980er/90er- Jahren in Anbetracht des zunehmenden Rechtsextremismus und einer antiziganistisch geführten Asyldebatte in der „Mitte der Gesellschaft“. Nachkommen von Überlebenden wurden oftmals für den Fall einer Wiederholung der Geschichte sensibilisiert und angehalten, im öffentlichen Raum – z. B. bei einem Discobesuch – nicht aufzufallen und vorsichtig zu sein.
„Ehrlich gesagt, ich rede nicht gerne über meine Verfolgung, weil ich dann anschließend nachts immer davon träume. Ich bekomme Angstgefühle, die so stark sind, dass ich schon zweimal deshalb im Krankenhaus war. Die Alpträume kommen immer wieder. Sie sind in meinem Kopf. Ich kann dann nicht mehr schlafen und stehe schon in der Nacht auf. Ich träume davon, dass ich im KZ Buchenwald bin und mache die Augen auf und sehe nur die Stiefel. Eine ganze Reihe von Stiefeln! Das kann man nicht vergessen. Ein Professor, der mich behandelte, hat dazu festgestellt, dass sich diese Erfahrungen auch auf meine Kinder übertragen haben. […] Die große Angst vor der Verfolgung ist bis heute bei mir da. Damit wuchsen meine Kinder auf.“
Rudolf Steinbach [Anm. 1]
Christian Pfeil
Christian Pfeil wurde im Januar 1944 (ein genaues Datum ist unbekannt) im Ghetto Lublin geboren. Nach der Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee wurde er mit seiner Familie nach Odessa gebracht, wo sie für sechs Monate in einem Arbeitslager festgehalten wurden. Erst danach konnte die Familie nach Trier – ihre Heimatstadt
– zurückkehren. Während seiner Schulzeit in den 1950er-Jahren in Trier wurde Christian Pfeil immer wieder antiziganistisch diskriminiert und ausgegrenzt. Unterstützung und Rückhalt fand er in seiner Familie. Christian Pfeil begleitete seinen Vater und seine Geschwister oft zu Behördengängen und unterstützte die Familie finanziell, indem er bereits in jungen Jahren zum Lebensunterhalt beitrug. 1970 eröffnete Christian Pfeil sein erstes Lokal „Töfftöff“ in der Trierer Stadtmitte, das sich schnell zu einer Szenekneipe entwickelte. 1988 verkaufte er das Lokal und eröffnete kurze Zeit später im Alten Bahnhof Süd in Trier erneut ein Lokal. Neben
der Arbeit als Gastronom begann Christian Pfeil eine Musikkarriere. Nach einer TV-Reportage über ihn und sein Leben kam es 1993 zu Morddrohungen und zwei rechtsradikalen Anschlägen auf sein Lokal. Dies bedeutete nicht nur das Ende seines Lokals, sondern auch seiner Musikkarriere. Ein Jahr später wurde ihm und seiner
Familie ein Landgut in der Eifel vermacht, das sie zu einem Landgasthof ausbauten. 2015 setzte sich Christian Pfeil zur Ruhe und begann gleichzeitig mit der Aufarbeitung seiner Familiengeschichte. Am 2. August 2022 hielt Pfeil eine Gedenkrede zum internationalen Gedenktag der Sinti und Roma in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Im Jahr 2024 wurde er von den Vereinten Nationen eingeladen anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar zu sprechen.
Sie wollen mehr zu Christian Pfeil wissen? Link zum Film: Zeuge der Zeit: Christian Pfeil · Trotz allem
MIA RLP
Antiziganismus wurde innerhalb der Mehrheitsgesellschaft lange bagatellisiert, verleugnet und nicht zur Kenntnis genommen. Daher ist das Ausmaß historisch
auch kaum zu fassen. Im Frühjahr 2022 wurde die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) gegründet. Diese Stelle ist ein bundesweites Programm mit dem Hauptsitz in Berlin. In Rheinland-Pfalz wurde die regionale Meldestelle im Oktober 2022 eingerichtet. MIA ist nicht nur eine Dokumentationsstelle für antiziganistische Vorfälle, sondern ebenfalls eine Beratungsstelle für Betroffene und eine Informations- sowie Bildungsstelle für die breite Öffentlichkeit. Die Meldungen von Vorfällen werden außerdem analysiert und ausgewertet. Die Bildungsangebote von MIA zielen auf die Sensibilisierung der Öffentlichkeit ab und sollen Empowerment-Angebote für Betroffene schaffen.
Sie wollen mehr über MIA RLP erfahren: www.mia-rlp.de
Literatur und Quellen (Auswahl)
Delfeld, Jacques Sr. (Hrsg.): 20 Jahre für Bürgerrechte. Verband Deutscher Sinti und Roma Landesverband Rheinland-Pfalz. Landau 2005.
Delfeld, Jacques Sr. (Hrsg.): Tradition und Zukunft des Rechtsextremismus. Landau 1999.
MIA Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Antiziganistische Vorfälle 2024 in Rheinland-Pfalz. Zweiter Jahresbericht der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Rheinland-Pfalz. Landau 2025.
Wolf, Silvia: Überleben – das war für uns nicht vorgesehen! Lebensgeschichten rheinland-pfälzischer Sinti-Familien. Landau 2012.
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: Christian Pfeil hält Gedenkrede vor den Vereinten Nationen anlässlich des Internationalen Holocaust Gedenktags (2024). URL: https://zentralrat.sintiundroma.de/christian-pfeil-haelt-gedenkrede-vor-den-vereinten-nationen-anlaesslich-des-internationalen-holocaust-gedenktags/
(1.10.2025).
Zweitzeugen e.V. (Hrsg.): Christian Pfeil. Interview vom 19. April
2024. URL: https://zweitzeugen.de/geschichten/zeitzeuginnen/
christian-pfeil (1.10.2025).
Fußnoten
Anm. 1: Rudolf Steinbach, zit. nach: Wolf, Silvia: Überleben – das war für uns nicht vorgesehen! Lebensgeschichten rheinland-pfälzische Sinti-Familien. Landau 2012. Hier: S. 156f. ↑ zurück
